Sommerkurs: Barock/Bewegung
| What | Convention |
|---|---|
| When |
2008-06-29 08:00
to 2008-07-03 13:00 |
| Where | Einsiedeln Bibliothek Oechslin |
| Add event to calendar |
|
Call for papers
Neunter Internationaler Barocksommerkurs der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin vom 29.06. - 03.07.2008
Thema: "Barock / Bewegung"
Einführung:
Natürlich
dreht sich das Gewölbe des Oktogons über der Gnadenkapelle der
Einsiedler Klosterkirche nicht wie das vom Genueser Ingenieur
Invernizzi ersonnene und erstellte 'Girasole'-Haus bei Verona. Es
fehlen ihm der Drehmechanismus und der Antrieb. Ein 'Geistiges' oder
eben auch ein 'Hirngespinst' ist es, was sich Linus Birchler (1924) in
seiner Apotheose des Ordensbruders und Architekten Kaspar Moosbrugger -
und dessen "um die Kapelle rotierenden Zentralraums" - ausgedacht hat.
Modern sind seine Vorstellungen, die ihn die "freie Raumsteigerung" und
die in sie hineingedachte "Dramatik" erkennen lassen, die sich dann
gemäss seinem Verständnis als "Formwillen", als "Dithyrambus einer
barocken Raumsteigerung und Raumverschmelzung" manifestieren. Hermann
Sörgel, der spätere Erfinder von 'Atlantropa', der die Birchlersche
Monographie von 1924 rezensierte, ergänzte diese emphatische
Darstellung mit der Feststellung, dass wohl nur in einer religiös
erfüllten Zeit "dieses ganze Drama räumlich kämpfender Ausdruckskräfte"
entstehen konnte. Das kompliziert unsere Vorstellung von 'Bewegung'
mehr, als dass sie sie verdeutlichen würde. Birchler selbst bemühte die
Musik und griff zum Höchsten; er fühlte sich an
Chorsätze Bachs erinnert und fasste diese als 'Bewegung', "in denen hundert Arme sich nach dem Unendlichen erheben".
Musikalische
oder architektonische Bewegungen, oder eben beides! Das 'Bewegende' ist
insofern wohl in erster Linie Metapher, denn der Bau ist fest gefügt,
und selbst die "schwebenden" Stuckengel und Putten
sind fest im
Mauerwerk verankert. Bewegt, 'in Bewegung' ist ohnehin der Betrachter,
der auf diese Weise, den Raum durchschreitend, das Ganze sehend
aufnimmt und begreift. (Das haben übrigens Architekten und Interpreten
der Architektur schon lange bedacht und mit ins Kalkül genommen.)
Schnell ist man bei der Einsicht angelangt, dass es ohne 'solche'
Bewegungen, ob das nun das "movetur" oder den "movens" meint, gar nicht
geht. In Raum und Zeit äussert sich alles sich Ändernde oder
Verändernde als Bewegung. Und dies betrifft natürlich auch die
Wahrnehmung selbst, die das Momentum (und das "Auf-einen-Blick"!)
genauso kennt wie die Sukzession, die bezogen auf Zeit 'Geschichte'
voraussetzt oder generiert. Nicht umsonst haben Bewegung und stetige
Veränderung einer 'Geschichtlichkeit' als einem
Grundverständnis geisteswissenschaftlicher Betrachtungsweise zugedient.
"Panta
rei"! Betrifft das jetzt Physik oder Philosophie? Natürlich beides.
Ohne Bewegung lässt sich kaum etwas denken. Und die Objekte und deren
Wahrnehmung sind aufs Innigste miteinander verbunden. "Cum
omnis
scientia sit in intellectu: per hoc autem aliquid fit intelligibile in
actu", leitete ein Kommentator die Physik Aristoteles' ein. Die
Bewegung führt natürlich aus der intellegiblen äusseren in unsere
innere Welt der Vorstellung hinein. Solche 'Übersetzungen' spiegeln
sich in unseren Begriffen; für motus steht dann beispielsweise die
alteratio, was eben 'grundsätzlich' Veränderung meint. Bei Aristoteles
bilden aedificatio und medicatio, zwei alte und durchaus verwandte
menschliche Befähigungen und Tätigkeiten, Instanzen eines
entsprechenden 'Veränderungs-Werkes'. Bewegung ist umfassend. In dem
Masse in dem sie nach 'universaler' Bedeutung strebt, ist sie auch -
unvermeidbar - eine grundlegende 'causa' in der
geisteswissenschaftlichen Betrachtung.
Natürlich 'schlägt
sich' Bewegung in kulturellen Formen 'nieder'. Sie lässt sich nicht nur
wahrnehmen - eben auch als einem dem "visus", dem Sehsinn zugeordnete,
über Distanz und Nähe Auskunft gebende
Kategorie; sie lässt sich
auch abbilden, nicht nur im 'bewegten Bild', sondern - paradoxerweise -
im fest gefügten, auf den Moment konzentrierten Bild, das sich deshalb
'anderweitiger' Formen und Zeichen bedienen muss, um der Bewegung ihre
Bewegung mitzuteilen. Das allerdings ist längst den kulturellen Formen
von Bildern - und deren "Sichtbarkeitsverhältnissen" - eingegeben.
Schliesslich gesteht man
ja auch dem Auge "Griffigkeit", also
haptische Qualitäten zu. So besehen "rotiert" das Einsiedler Oktogon
also doch! In den Vorstellungen eben! Zutreffend ist jedenfalls, dass
Bewegung weit über das hinausreicht, was sich physikalisch oder
mechanisch als solche beschreiben lässt.
Insofern
überrascht es nicht, dass gerade der Barockbegriff mit Bewegung und
verwandten Vorstellungen immer mal wieder verbunden wurde. Man wollte
etwa im Kontrast gegen 'statische' Auffassungen
(der Renaissance)
'barocken' Vorstellungen auf den Leib rücken. Heinrich Wölfflins
exemplarischer Vergleich der Projekte Vignolas und Giacomo della Portas
für die Fassade des Gesù in Rom (Renaissance und
Barock, 1888) setzt
ja gerade dort an, wo bei gleichem "System" einmal "renaissancemässig"
ruhig gegliedert wird, und wo andererseits in "scheinbar wenig
abweichender Ausdrucksweise" Bewegung, 'Dynamisierung' erzeugt wird.
Wölfflins Darlegung der "Auflösung der Renaissance" kulminiert im
Kapitel "Bewegung", in dem Begriffe wie 'Kraft', 'Hochdrang',
'Rhythmus', 'Steigerung', 'Schwingung' und 'Spannung', aber auch
'Unübersehbarkeit' und 'Unbegrenztheit'eine Rolle spielen. Ein anderer
Gründungsvater der modernen Barockforschung, Alois Riegl, hat
andererseits am Begriff des "Konvulsivischen" 'verdrehter' Skulpturen
die Schwierigkeit einer adäquaten Erfassung und Deutung 'barocker'
Kunstäusserung dargelegt. Fremdartig oder gar befremdlich würde das
ekstatisch Zuckende wirken! 'Bewegung' erscheint somit ebenso
nachvollziehbar wie unverständlich zu sein, je nachdem man die Dinge
angeht. Und das ist nur ein Hinweis!
Es soll - wie immer -
Ausgangspunkt und Anregung und vielleicht auch ein besonderer
'Beweggrund' sein, um den Bewegungen auf hoffentlich vielfältigste
Weise - bis hin zu ihren mehr oder minder verborgenen "é-motions" -
nachzugehen.
PS: ... und natürlich denken wir beim Begriff
'Bewegung' genauso an Theater und Tanz, an das Ephemere wie an das
Festgefügte, an Keplersche Bahnen wie an die Entdeckung des
Blutkreislaufes, an 'Oben und Unten' genauso wie an das Verborgene und
an das ans Licht Drängende, an das Versteckte wie an das
Offensichtliche der "ostentatio", an die Motorik und die Gliedmassen
und an Einfall und Phantasie. Auch aus dem Gegensatz 'muss' Bewegung
entstehen. Und 'kontrastreich' ist die 'barocke' Welt genauso wie sie
unberechenbar und doch fest gefügt ist. Gott und die "materia prima",
sind gemäss Scipio Gabrielli aus Siena (Aurea Mundi Catena, 1604) die
einzigen feststehenden Gründe, die den Rest der Welt in ewige Bewegung
stürzen, um dann alles wieder als "catena aurea" zusammengefügt
erstehen zu lassen. Die 'Fiktion' wird zur Notwendigkeit der
Vergegenwärtigung und zum Tummelfeld aller Kunst: in deren Bemühung,
die "möglichen Erfahrungen" auszuloten und zu erreichen. 'Analogie' ist
alles, und sie lebt - nur - von der Bewegung.
10.2007 Werner Oechslin
Wie
üblich soll der Diskurs fächerübergreifend angelegt sein, sodass wir
uns eine rege Teilnahme von Wissenschaftlern und Promovierenden aus
verschiedenen Disziplinen erhoffen.
Wir möchten Sie bitten, Ihre Bewerbung bis spätestens 10. Dezember 2007 per e-mail an tscholl@bibliothek-oechslin.ch zu senden.
Angaben zur Organisation sind einsehbar unter: www.bibliothek-oechslin.ch, Rubrik Veranstaltungen.
Anschriften:
Stiftung Bibliothek Werner Oechslin
Luegeten 11
CH-8840 Einsiedeln
Tel: +41 55 418 90 40, Fax: +41 55 418 90 48
(Frau Karin Peterhans, Sekretariat)
Tel: +41 44 633 75 16
Fax:+41 44 633 10 26
(Ph. Tscholl, ETH Zürich)